Gedanken zur Bastianstudie
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Macht Musik schlau?

Singen, musizieren, in Melodien schwelgen - wie wirkt die Kraft der Musik auf unseren Körper und Geist?

Studien können sich hören lassen: Mit Musik geht alles besser - und vor allem gesünder. Betrachtungen eines Schülervaters - Georg Ellendorff


Fertig! Leo gibt die Mathearbeit schon wieder früher ab als die anderen. Und sein Lehrer weiß: Leo wird auch diesmal eine gute Note erreichen. Beim Hinausgehen pfeift der Zwölfjährige eine kleine Melodie - ein Menuett, F-Dur, Bach. Wie schafft der Junge das bloß? Spielt Geige, macht Sport, engagiert sich im Laienspiel und ist auch noch nett. Ein Wunderkind? Eigentlich nicht. Nur ein Musiker.

Macht Musik Kinder schlau - und wenn ja, wie?

Kleiner Gehirnexkurs: Unsere Körperhälften sind mit den jeweils gegenüberliegenden Hirnhälften verknüpft.Die rechte Gehirnhälfte ist für Kreativität, Musik, Gefühle, Intuition zuständig; die linke steuert Sprache und Logik. Um das Geheimpotenzial zu nutzen, müssen beide Gehirnhälften aktiviert werden. Im herkömmlichen Schulunterricht wird vorwiegend die linke trainiert, weil das meiste - Schreiben oder Rechnen - mit der rechten Hand erledigt wird. Das Musizieren fördert sehr stark die linke Körperhälfte - und trainiert so die rechte Hirnhälfte. So führt Musik zur Verknüpfung - und wirkt damit auf geistige Fähigkeiten. Dieses Phänomen erforschte Dr. Hans Günther Bastian: Mit einem Team von Wissenschaftlern beobachtete er seit 1992 die Entwicklung von 180 Kindern an Berliner Grundschulen, in denen Musizieren gefördert wird, und verglich sie mit Schulen ohne Musikbetonung. Ergebnis: Schüler, die Musik machen, sind weniger aggressiv, toleranter, selbstbewusster, realitätsbezogener, emotional stabiler - und intelligenter. Obwohl es bei der Einschulung keine IQ-Unterschiede gegeben hatte, brachte es die Hälfte der musikorientierten Schüler nach eineinhalb Jahren zu überdurchschnittlichen Ergebnissen, nach vier Jahren zeigten sich bessere Noten in Geometrie, Deutsch, Englisch, Mathematik. Es stimmt: Musik macht schlau. Darüberhinaus sind diese Kinder sozialer - wer Musik macht, prügelt nicht.

Wir können genauso wenig "weghören", wie wir "wegriechen" können. Musik aktiviert viele Verschaltungen unseres Limbischen Systems: Härchen im Gehör leiten den Schall zum Hirnstamm weiter, wo er in Musik oder Energie übersetzt wird. Dieses Gehirnareal um den Mandelkern steuert Emotionen und Sinneswahrnehmungen. Es ist für Schmerzverarbeitung zuständig und eng mit den Lernprozessen von Verstand und Intuition verknüpft. Dieses Wissen wird von Medizinern genutzt - so verringert Musik das Schmerzempfinden von Zahnarztpatienten, Musik kann sogar Glück auslösen - Neurologen belegten eine erhöhte Menge an körpereigenen Drogen wie Dopamin bei bewusstem Hören. Wer selbst Musik macht und ihr nicht nur passiv zuhört, dem wachsen neue Verbindungen im Kopf; die Beschäftigung mit einem Instrument, mit Noten lesen, Komponieren, üben, die Feinmotorik plus der Schall der Musik sorgen dafür, dass sich die Nervenverbindungen im Gehirn effizienter miteinander verknüpfen. Dieses erweiterte Netz namens "Mental speed" sorgt für Schnelligkeit im Gehirn - und für mehr Konzentration und Leistung, ein differenziertes Gefühlspotenzial und Kreativität.

Auf der Neurologischen Intensivstation der RWTH Aachen wurde die Wirkung bestimmter Musikstücke über Jahre beobachtet. Wer sich nach in nerer Ruhe sehnt oder Angst abbauen möchte, sollte z.B. instrumentale Barockmusik, vorzugsweise in den langsameren Tempi, hören, Stücke wie Bachs "Air" (aus der Suite Nr.3 in D-Dur), Händels "Wassermusik" oder Teile der "Vier Jahreszeiten" von Vivaldi. Aus dem Pop-Bereich gehören "Yesterday" von den Beatles, "A Whiter Shade of Pale" von Procol Harum, aber auch viele Blues-Stücke dazu. Zur Entspannung oder Anregung bewähren sich die Gesänge der Buckelwale. Motivierende Musik findet sich bei Mozart und Vivaldi.

Sogar für den Menschen nicht hörbare Töne sollen Wirkung entfalten. Air Force-Piloten werden durch das sogenannte HemiSync-System darauf trainiert, beide Gehirnhälften optimal miteinander zuvernetzen, um auf kritische Situationen besser zu reagieren. Konzentration, Verstand und Intuition werden durch unhörbare Frequenzen um 7000 und um 12 Hertz stimuliert. Ähnliche Frequenzen helfen übrigens auch Sportlern, um länger durchzuhalten. Wer andererseits beim Autofahren Rockmusik oder auch aufpeitschende klassische Musik hört, fährt aggressiver. Das Gehirn verarbeitet die musikalischen Reize offenbar unmittelbar, was sich auf die Fahrweise auswirkt.

Nicht zu unterschätzen ist auch die Wirkung des eigenen Gesangs: Ein Versuch mit psychisch Kranken an der Münchner Uni-Klinik hat ergeben, dass Singen die Stimmungslage positiv beeinflusst. Bei den Patienten wurde eine signifikante Besserung ihres depressiven Zustandes nachgewiesen. Das gilt auch für psychisch Gesunde - Singen kickt Körper und Geist - und es kommt weder auf Perfektion noch Talent an. Schon die Alten wussten, dass die richtige Musik zum richtigen Moment eine heilsame Wirkung entfaltet - dieses Wissen war stets Bestandteil alter Kulturen. Mediziner, Forscher und Neurologen versuchen beute, an diese überlieferten Traditionen anzuknüpfen. Damit arbeitet man an neu-alten Formen der Musiktherapie. Fazit: Hören Sie die Musik, die Sie tief im Herzen berührt. Sie wird nicht ohne positive Folgen für Hirn und Humor sein. Text bei: Nina George

Und weiter: Intelligent durch Musik?

Die Debatte in der Bildungspolitik entbrennt jedes Jahr aufs Neue: Brauchen Kinder den Musikunterricht in der Schule wirklich? Sollte man sich nicht lieber auf die Hauptfächer wie Mathematik, Deutsch und Englisch konzentrieren? Sollen Musikschulen überhaupt weiter von "Vater Staat" subventioniert werden?

Vor einiger Zeit wurde eine Studie von Prof. H. G. Bastian über die Wirkung von Instrumentalunterricht auf das schulische Leistungsvermögen von Grundschulkindern veröffentlicht. Entgegen der nahe liegenden Vermutung, dass durch eine solch zeitintensive Freizeitbeschäftigung die Schule möglicherweise "zu kurz kommt", konnte Bastian zeigen, dass sich bei den musizierenden Kindern die allgemeinen Schulleistungen in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch gegenüber der Vergleichsgruppe signifikant verbesserten. Die komplexen Denkvorgänge, die beim Musizieren trainiert werden, wirken sich offensichtlich auch positiv auf die Koordinations- und Konzentrationsfähigkeit bei allgemeinen Aufgaben aus. Und damit nicht genug: Auch auf die neuerdings von der Wirtschaft immer mehr geforderten "sozialen Kompetenzen" wie Teamfähigkeit, Durchhaltevermögen und Toleranz hatte der Musikunterricht nachweislich positiven Einfluss. Das ist musizieren im Team, im Ensemble, das will gelernt sein.

Die Frage darf also nicht lauten: Können wir uns diese oder jene Musikschule in Zeiten knapper Kassen noch leisten? Sondern: Können wir es uns leisten (in Anbetracht der verheerenden Pisa-Ergebnisse), auch nur einer einzigen Musikschule die Mittel zu kürzen? In diesem Sinn will ich das oben angeführte Nietzsche-Zitat etwas abwandeln: Ohne Musikschulen wäre dieses Land im Irrtum!




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